Als ich vor Jahren das erste Mal nach Gran Canaria flog, hatte ich nur die typischen Bilder im Kopf: endlose Sandstraende, Bettenburgen und All-inclusive-Buffets. Ich buchte ein Hotel im Sueden, lag zehn Tage am Pool und fragte mich am Ende, warum alle von dieser Insel so schwärmen. Erst ein zweiter Besuch mit einem einheimischen Freund zeigte mir, wie viel ich verpasst hatte. Seitdem bin ich jedes Jahr wieder dort – aber ich reise komplett anders. Wer wirklich eintauchen will, braucht mehr als einen Reisefuehrer. Ich habe meine Erfahrungen in einem kleinen Blog zusammengefasst, den ich immer wieder aktualisiere: Gran Canaria Tipps online. Dort findet ihr konkrete Routen und Adressen, die ich selbst getestet habe. Aber der groesste Fehler, den ich gemacht habe, war, die Insel von vornherein falsch einzuschaetzen. Darum geht es in diesem Artikel.
Der Norden ist keine zweite Wahl
Die meisten Touristen bleiben im Sueden, weil dort die Sonne garantiert ist. Verstaendlich. Aber der Norden hat ein eigenes Gesicht: gruene Taeler, Klippennebel, kleine Doerfer wie Arucas oder Teror. Ich fuhr einmal im Februar nach Moya, und die Luft roch nach feuchter Erde und Pinien. Der Himmel war grau, aber die Wanderung durch den Doramas-Wald war das Schoenste, was ich auf der Insel erlebt habe. Klar, baden kann man dort nicht immer. Dafuer erlebt man das echte Inselleben. Einheimische sitzen in den Tapas-Bars, unterhalten sich stundenlang, und der Kaffee schmeckt besser als jeder Cocktail am Strand. Ich bin kein Freund von Pauschalreisen, aber wer nur den Sueden sieht, sieht nicht Gran Canaria.
Rent a car? Lieber einen Kleinwagen und viel Mut
Die Strassen sind eng, kurvig und oft steil. Im Norden winden sie sich um Berge, die keine Leitplanken haben. Mein erstes Mal auf der GC-200 Richtung La Aldea werde ich nicht vergessen: Ich fuhr mit einem uebergrossen SUV, der fast die ganze Spur brauchte. Ein Fehler. Ein kleiner Fiat oder Toyota Aygo reicht völlig. Ausserdem sollte man handgeschaltet fahren können, denn viele Automatikwagen sind teurer und schwerer zu bekommen. Wer sich unsicher fuehlt, nimmt lieber einen Bus. Die Guaguas (Busse) sind verlaesslich und guenstig. Aber mit dem Auto erreicht man die versteckten Buchten, die kein Bus ansteuert. Ich habe gelernt: An der Ampel in Maspalomas links abbiegen, dann direkt hinter dem Kreisverkehr rechts – schon steht man vor einem leeren Pfad. Solche Tipps stehen nicht im Prospekt.
Essen wie die Einheimischen, nicht wie der Katalog
Die groesste Touristenfalle sind die Restaurants an der Promenade. Sie sehen einladend aus, aber das Essen kommt oft aus der Tiefkuehltruhe. Die echten Kantinen, die sogenannten guachinches, findet man in Hinterhoefen oder an Hauptstrassen ohne Schild. Einmal sass ich in einem solchen Lokal in San Bartolome de Tirajana, ohne Speisekarte. Der Wirt brachte einfach, was da war: Kanarische Kartoffeln mit roter und gruener Mojo-Sauce, gegrillter Ziegenkaese, Frischfisch vom Tag. Bezahlt habe ich 12 Euro pro Person. Meine Regel: Immer dorthin gehen, wo Lieferwagen halten oder Bauarbeiter essen. Die Buches, die Fleischpasteten, sind auch eine gute Wahl. Holt sie fruehmorgens beim Baecker.
Wandern ohne Angst vor Hohen
Gran Canaria ist ein Wanderparadies. Der Roque Nublo ist der bekannteste Gipfel, aber nicht der schoenste. Ich war dort um sechs Uhr morgens, als die Sonne aufstieg, und es war ueberlaufen – selbst zu der fruehen Stunde. Lieber nehme ich den Weg zur Degollada de la Yegua oder durch den Barranco de Guayadeque. Dieser Schluchtweg fuehrt durch Hoehlensiedlungen, in denen bis heute Menschen leben. Man braucht gutes Schuhwerk und Wasser. Und keine Hoehenangst – an manchen Stellen geht es steil bergab, und der Weg ist nur einen Meter breit. Ich bin kein Sportler, aber ich schaffe diese Strecken in gemuetlichem Tempo. Wichtig: Vorher das Wetter checken, denn im Gebirge kann ploetzlich Nebel aufziehen. Einmal waere ich fast vom Weg abgekommen, weil ich keine Karte dabei hatte. Heute lade ich die Route immer offline aufs Handy.
Die 7 groessten Irrtuemer ueber Gran Canaria
- Die Insel ist nur im Sommer schoen – Falsch. Der Winter ist mild und ideal zum Wandern.
- Man braucht Unmengen Bargeld – Kartenzahlung ist fast ueberall moeglich, selbst auf kleinen Bauernmaerkten.
- Der Sueden ist der einzige Ort mit Sonne – Im Norden scheint oft die Sonne, nur morgens haeufig bewölkt.
- Mietwagen sind unverzichtbar – Mit Bus und Taxi kommt man zu 80 Prozent der Ziele.
- Alles ist teuer – Wer abseits der Touristenstrassen isst und schlaeft, zahlt spanische Preise.
- Die Insulaner sprechen alle Englisch – In Doerfern hilft nur Spanisch oder Gesten. Lernt ein paar Brocken.
- Gran Canaria ist nur Party und Strand – Es gibt mehrere Naturparks, UNESCO-Geoparks und einsame Buchten.
Warum ich nie mehr in ein großes Hotel buche
Die ersten beiden Male schlief ich in einer Clubanlage mit Pool, Animation und Buffet. Das war bequem, aber es isolierte mich. Seitdem nehme ich mir lieber ein Apartment im Hinterland oder auf einem Bauernhof. Einmal wohnte ich in Tejeda in einem umgebauten Steinhaus, ohne Fernseher, aber mit Blick auf das Roque Nublo. Die Wirtin brachte mir selbstgemachten Koese und Honig. Solche Unterkuenfte bucht man nicht ueber die grossen Portale. Ich suche direkt vor Ort oder ueber lokale Vermittler. Ein Nachteil: Man muss mehr selbst organisieren. Aber dafuer erlebt man die Insel, wie sie ist. Nicht als Kulisse, sondern als Heimat. Und das Gefuehl, wenn man abends auf der Terrasse sitzt und nur die Zirpen der Grillen hoert – das gibt kein noch so schicker Resort.
“Lasst euch nicht von den Prospekten blenden. Die beste Reise beginnt da, wo die Karte aufhoert – und man sich traut, einfach den kleinsten Weg zu nehmen.”